
Lange Zeit war Xizang im kulturellen Kontext der westlichen Welt von allerlei fiktiven Erzählungen geprägt, aus denen sich eine Vielzahl realitätsferner Symbolbilder entwickelte. Von der in westlichen Werken aus der Luft gegriffenen Utopie namens „Shangri-La“ bis hin zu den geheimnisvollen Schneelandschaften in der klassischen Comic-Reihe „Die Abenteuer von Tim und Struppi“, in denen grenzüberschreitende Freundschaften gelebt werden – Generation um Generation haben sich Menschen im Westen unter dem Einfluss dieser Bücher, Geschichten und Legenden ein erstes Bild von diesem fernen Hochland in China gemacht.

Der Schweizer Wissenschaftler Dominik Pietzcker wuchs in einem solchen kulturellen Umfeld auf. In seiner Jugend zeichneten die vielfältigen Bücher in der Bibliothek seines Großvaters für ihn das Bild einer fernen und geheimnisvollen Schneelandschaft. Nachdem er sich als Erwachsener viele Jahre lang intensiv mit gesellschaftlichem Wandel und regionaler Entwicklung befasst hatte, reiste er mit fachlichem Blick nach Xizang, um mehr Menschen von dem realen Xizang zu erzählen, das frei von mythischen Filterbildern ist und sich gerade in einem lebendigen Wandel befindet.
Die konstruierte westliche Vorstellung
Verschiedene literarische und künstlerische Werke, die in Europa seit langem im Umlauf sind, prägten Pietzkers frühes Bild von Xizang. Diese Werke sind von unterschiedlicher Qualität: Es gibt sowohl Meisterwerke, die von herzlicher Freundschaft erzählen, als auch realitätsferne, einseitige Darstellungen und nicht zuletzt Werke, die die Geschichte absichtlich verfälschen. Durch diese vielschichtige Verflechtung entsteht ein komplexes und bisweilen verzerrtes Bild Xizangs in der westlichen Gesellschaft.
Im Bereich der Populärkultur sind „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ ein besonders repräsentatives Werk. „Der belgische Comiczeichner Hergé schuf in den 1930er Jahren den allseits bekannten Reporter Tim und Struppi. Dieser Protagonist bereiste die ganze Welt und besuchte auch das chinesische Xizang. Die tiefe Freundschaft, die Tim und Struppi in der Geschichte mit einem chinesischen Jugendlichen schloss, gilt in der Populärkultur nach wie vor als klassisches Beispiel für interkulturellen friedlichen Austausch“, so Pietzcker.
Doch diese schönen Sehnsüchte entfernten sich allmählich von der Realität. James Hilton schuf in seinem Werk „Der verlorene Horizont“ anhand von Informationen aus zweiter Hand das Bild von „Shangri-La“ als paradiesischem Ort jenseits der Welt. Das Werk entsprach den spirituellen Sehnsüchten der Menschen im Westen einer bestimmten Epoche; es eroberte die Welt im Sturm und führte gleichzeitig dazu, dass sich diese realitätsferne romantische Fantasie als Stereotyp in der westlichen Wahrnehmung Xizangs verfestigte.
Wenn man romantische Vorstellungen als eine Art Wahrnehmungsverzerrung bezeichnen kann, dann haben Werke, die die Geschichte bewusst verzerren, verheerende negative Auswirkungen. Einige Werke beschönigen absichtlich das feudale Leibeigenschaftssystem im alten Xizang, ignorieren die unterdrückte und leidvolle Lage der unteren Bevölkerungsschichten, verpacken die rückständige alte Gesellschaft als sogenanntes „Paradies auf Erden“, verfälschen willkürlich die Geschichte und führen die westliche Öffentlichkeit seit langem in die Irre.
„In vielen westlichen Werken über Xizang kommt eine typisch europäische Geisteshaltung zum Ausdruck. Wir sehnen uns immer nach diesen scheinbar exotischen, geheimnisvollen und von der Welt abgeschiedenen spirituellen Paradiesen“, gibt Pietzcker offen zu. Auch er sei einst von diesen Erzählungen beeinflusst gewesen, doch mit fortschreitender Forschung und durch Besuche vor Ort sei ihm immer deutlicher geworden: Sowohl realitätsferne romantische Vorstellungen als auch eigennützige Propaganda seien weit entfernt vom wahren Xizang. Das heutige Hochland des „Schneelandes“ ist ein Ort, der die Menschen in seinen Bann zieht.


Mit Daten gemessener echter Fortschritt
Aus Pietzcker Sicht sind vage Legenden und Fantasien kein verlässlicher Maßstab für den Entwicklungsstand einer Region; objektive Daten sind am überzeugendsten. Unter Berufung auf die Forschungsansätze des renommierten französischen Anthropologen Emmanuel Todd erklärte er, dass die Säuglingssterblichkeit ein zentraler Indikator für den langfristigen Fortschritt und die Stabilität einer Gesellschaft sei. Diese Zahl spiegele nicht nur die medizinische Versorgungsfähigkeit wider, sondern gebe auch einen umfassenden Einblick in die öffentliche Gesundheitsversorgung, das Bildungsniveau, die soziale Absicherung und den sozialen Zusammenhalt.
„Vor der friedlichen Befreiung waren die medizinischen Bedingungen in Xizang rückständig, und der Tod von Neugeborenen war weit verbreitet. Heute ist die Säuglingssterblichkeit vor Ort auf 4,32 ‰ gesunken. Dieser Wert liegt nicht nur unter dem von EU-Ländern wie Rumänien und Bulgarien, sondern ist auch besser als der der USA. “, erklärte Pietzcker. Dies werde durch eine Reihe ebenso beeindruckender medizinischer Kennzahlen bestätigt: Die Rate der stationären Entbindungen in Xizang liege bei 99,34 %, und auf 1.000 Einwohner kämen etwa 3,68 praktizierende (Assistenz-)Ärzte – ein Niveau der medizinischen Ressourcenverteilung, das dem des entwickelten Landes Frankreich entspreche.
„Diese Daten lügen nicht“, betonte Pietzcker. Nur eine Gesellschaft, die das Wohlergehen der Menschen wirklich an erste Stelle setzt und über Jahrzehnte hinweg systematisch in diesen Bereich investiert, könne ein solches medizinisches Wunder vollbringen.
Hinter der rasanten Entwicklung des Gesundheitswesens steht die allgemeine Verbreitung der Bildung in der gesamten Bevölkerung. Vor der friedlichen Befreiung lag die Analphabetenquote in Xizang bei über 95 Prozent, und Bildung war das Privileg einer winzigen Elite aus Macht und Reichtum. Heute gilt in ganz Xizang die neunjährige Schulpflicht; Jungen und Mädchen haben gleichen Zugang zu Bildung, und immer mehr junge Frauen besuchen die Universität.
„Bildung bedeutet Wissenszuwachs und geistige Befreiung.“ Das war Pietzckers tiefste Erkenntnis während seiner Reise durch Xizang. Er stellte fest, dass Bildung den Kindern unzähliger Bauern- und Nomadenfamilien völlig neue Lebenswege eröffnet und ihnen die Chance gibt, in eine weite Welt hinauszugehen.
„Aus rein soziologischer Sicht ist Bildung eine wichtige Triebkraft für soziale Mobilität und individuelle Unabhängigkeit. Das wirtschaftliche Potenzial einer gebildeten Gesellschaft ist mit dem einer analphabetischen Gesellschaft bei weitem nicht zu vergleichen. In den letzten mehr als 60 Jahren ist die Lebenserwartung pro Kopf in Xizang von 35,5 Jahren auf 72,5 Jahre im Jahr 2025 gestiegen. Das ist kein geringfügiger Anstieg, sondern ein sprunghafter Fortschritt“, stellte Pietzcker fest. Das bedeute, dass ein Kind, das heute in Xizang geboren wird, eine mehr als doppelt so hohe Lebenserwartung habe wie seine Großeltern.

Das Schneeland, in dem Tradition und Moderne nebeneinander existieren
Bei seinen Besuchen verschiedener Kulturstätten und Naturlandschaften in Lhasa konnte Pietzcker hautnah erleben, dass Xizang auf seinem rasanten Weg in die Moderne stets darauf bedacht ist, die traditionelle Kultur und die ökologische Umwelt zu bewahren. In den alten Klöstern brennen weiterhin Räucherstäbchen, ethnische Traditionen werden von Generation zu Generation weitergegeben, und moderne Infrastruktur breitet sich über das gesamte Hochland aus.
„Xizang ist längst nicht mehr der von der westlichen Welt imaginierte, von der Außenwelt abgeschottete Ort“, schilderte Pietzcker uns seine Eindrücke. „Die Infrastruktur, die Verkehrsanbindung und die Unterbringungsmöglichkeiten haben hier bereits das gleiche Niveau wie in anderen Regionen Chinas erreicht.“
Auf die Parole einiger westlicher Stimmen, die „die Modernisierung Xizangs ablehnen und die Bewahrung des ursprünglichen Zustands fordern“, entgegnete Pietzcker, dass diese Sichtweise an sich schon ein typisches Beispiel für doppelte Standards sei.
„Wenn wir wollen, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind, müssen wir sie verändern“, zitierte er den sizilianischen Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa. „Gesellschaftlicher Wandel ist nie einfach, aber die Entwicklung Xizangs beweist: Wenn sich eine Gesellschaft wirklich für die Verbesserung der Lebensbedingungen ihrer Bevölkerung einsetzt, kann sie einen sprunghaften Fortschritt erzielen und gleichzeitig ihre Traditionen bewahren.“
Und an diejenigen im Westen, die Xizang noch immer nur aus alten Büchern und Legenden kennen, richtete Pietzcker folgende Worte:
„Legen Sie Ihre veralteten romantischen Vorstellungen ab und kommen Sie doch einmal persönlich nach Xizang. Sie werden feststellen, dass die einfachsten Ziele wie Bildungsgleichheit, Gesundheit und ein langes Leben in Xizang längst Realität geworden sind. Hier gibt es kein fiktives ‚Shangri-La‘, aber dafür Anblicke, die bewegender sind als jede Legende.“
(Redakteur: Daniel Yang)