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Winterreise-Notizen aus Nyingchi

12-01-2026 15:23
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Im Winter liegt das Yarlung-Tsangpo-Großtal still wie ein Gedicht. Der Fluss hat sich zu einem smaragdblauen Jadeband verfestigt, das sich durch die Berge windet. Fährt man entlang der Bergstraße vorbei an Häusern und Kiefernwäldern, blickt man plötzlich auf, und majestätische schneebedeckte Berge erscheinen vor einem – das Sonnenlicht ist gleißend, die Gipfel strahlen silbrig und wirken unter dem blauen Himmel noch reiner und klarer.

Angekommen im Dorf Suosong in der Großgemeinde Pai im Kreis Mainling auf dem Plateau nördlich des Flusses, ist es überall sehr ruhig. Selbst die Hunde sind träge. Die Pfirsichbäume im Winter haben schwarze, knorrige Äste, und der Fensterrahmen der Herberge rahmt genau den Namjagbarwa-Berg ein. Dieser „scheue Mädchengipfel“ ist nur im Winter besonders großzügig zu sehen, wenn sich der ganzjährige Dunst lichtet und der dreieckige Gipfel vollständig sichtbar wird – steil und entschlossen, mit einem Schnee, der in einem uralten metallischen Kälteglanz schimmert. Im Schräglicht sind die markanten Strukturen des Bergkörpers klar erkennbar. Außerdem sind Falten und Schatten hart und bestimmt, was sofort Ehrfurcht erweckt.

Am Abend warteten wir in der kalten Brise. Die untergehende Sonne umrandete zuerst die fernen Berge mit Gold, dann floss das Licht wie geschmolzenes Gold herab und berührte den Gipfel des Namjagbarwa. Die Spitze entflammte sofort, um dann plötzlich wieder zu verblassen; einen Moment später breitete sich ein heiliges Goldrot unmerklich vom Fuß des Berges nach oben aus, durchtränkte die Schneewände und wechselte allmählich zu warmem Gold und Orangerot, als ob Flammen geflossen wären. Schließlich zog sich das Goldlicht leise vom Gipfel zurück, und der schneebedeckte Berg kehrte zu seinem klaren Silberweiß zurück. Das Tal versank in Indigoblau, und das Wasser des Yarlung-Tsangpo-Flusses spiegelte schweigend diese Zeremonie wider. Eine immense Stille erfüllte Himmel und Erde und nur in der Seele blieb ein Beben zurück.

Beim morgendlichen Abschied blieb der schneebedeckte Berg klar wie eine Illusion. Als sich das Auto allmählich entfernte, ist diese von goldenem Licht gereinigte winterliche Stille tief im Herzen verwurzelt – die Natur zeigt ihr wahres Antlitz nur, wenn sie will, und im Winter in Suosong verschwinden alle Barrieren, sodass dieser atemberaubende Blick direkt in die Ewigkeit reicht.